Einen Sommer lang von Wien nach Nizza

Der Routenplan zum Ansehen in Outdooractive.

„In den Bergen können wir die Zeit langsamer machen, die Eile ins Abseits schicken, den Augenblick tief einatmen und unserer Glückseligkeit gute Gründe geben.”
(We love Zillertal)

Träume sollte man leben! Einmal richtig die Alpen sehen, komplett von Ost nach West. Aus eigener Kraft Europas bekanntestes Gebirge zu überschreiten, macht nicht nur demütig, sondern auch eine Menge Freude. Wochenlang einen Fuß vor den anderen zu setzen, minimalistisch zu leben, die Langsamkeit genießen, mit dem Sonnenaufgang aufzustehen und abends erschöpft aber glücklich ins Bett oder Zelt zu sinken.

Seit meiner Alpenüberquerung von München nach Venedig lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Jetzt – 14 Jahre später – ist es endlich soweit!

In 100 Tagen von Wien nach Nizza: ca. 1800 km und 90.000 Höhenmeter.

Es ist nicht meine erste Fernwanderung. Der GR20 auf Korsika (schon zweimal, das erste Mal vor 45 Jahren!), München-Venedig 2007, der GTA (Grande Traversata delle Alpi) im Piemont. Dazu kommen viele Trails in den kanadischen Rockies und Alaska, sowie diverse weitere Touren in den Alpen, insbesondere in den Dolomiten. Und erst im letzten Jahr eine tolle Wanderung entlang des GTA über 700 km vom Lago Maggiore nach Nizza. Hier geht’s zum GTA-Tagebuch.

Aber diese Tour verspricht schon ein besonderes Abenteuer zu werden.

Ohne Planung läuft nichts…

Annähernd vier Monate in den Bergen unterwegs zu sein, ohne konkrete Planung ist nicht mein Ding. Ich will mir unterwegs möglichst wenig Gedanken über den Routenverlauf machen. Sofern es natürlich das Wetter zulässt. Nein, es geht mir nicht darum, die meisten und höchsten Gipfel zu erklimmen oder den kürzesten und schnellsten Weg ans Mittelmeer zu finden. An erster Stelle steht die Freude an den Bergen, dem Wandern und der Bewegung, der Einsamkeit und Entspannung, den Menschen am Weg und Regionen zu erkunden, die ich bisher nicht kannte und – die weniger im Fokus des Tourismus stehen.

Vorüberlegungen und Gedanken zum Routenverlauf

Seit mehr als einem Jahr plane ich nun. Wie schnell man Planungen verwerfen muss, hat dieses Jahr gezeigt. Corona und ein kaltes und schneereiches Frühjahr in den Bergen lassen bisherige Planungen obsolet werden.

Natürlich wäre ich am liebsten auf unbekannten Wegen unterwegs, abseits der großen Tourismuszentren, fernab von überfüllten Berghütten und Seilbahnen. Somit fallen die meisten der bekannten europäischen und alpinen Fernwanderwege schon mal weg. Ein Großteil der Nordalpen eigentlich auch.

Der geplante Start Anfang Mai verschiebt sich schnell auf nun Anfang Juni.

Los geht es am Stephansdom in Wien. Auf dem Nordalpenweg durch den Wienerwald zum Hochschwabmassiv. Nach den Ennstaler Alpen und dem Gesäuse wartet der Zentralalpenweg. Durch die Tauern, die Gailtaler Alpen und über den Karnischen Hauptkamm, vorbei an Cortina, werden die Dolomiten erreicht. Die Sarntaler Alpen und die Ortler Gruppe begleiten den Weg über das Stilftser Joch und die Bernina Gruppe vorbei am Comer See zum Lago Maggiore. Dem, aufgrund seiner Usprünglichkeit und Abgeschiedenheit, von mir geliebten Grande Traversata delle Alpi (GTA) folge ich weitgehend der Route des letzten Jahres. Im Nationalpark Mercantour führt der Weg nach Frankreich und auf dem GR52 und GR5 schlussendlich bis Nizza.

Sicher habe ich mir über die Route intensiv Gedanken gemacht, doch in den Bergen ist nichts in Stein gemeißelt! Der Winter war bis weit in das Frühjahr hinein nun mal sehr schneereich. Es ist durchaus möglich, dass ich zeitweise auf niedriger liegende Wege ausweichen muss. Wie sagte mir der Wirt vom Schiestlhaus am Hochschwab: „Im Moment kannst du Skifahren am Hochschwab aber nicht wandern!“  Flexibilität und Umplanungsbereitschaft in den Bergen müssen schon sein…

Die Unterkünfte

Den Großteil der Tour werde ich auf Berghütten, Gasthöfen, Posti Tappa (Etappenunterkünfte auf dem GTA) übernachten. Das mitgeführte Zelt dient der Sicherheit, falls Hütten belegt sind oder wunderschöne Orte – weitab der Zivilisation – zum Verweilen einladen. Auf ein paar dieser tollen Lokalitäten freue ich mich schon, insbesondere auf der GTA. Ich hoffe nur, dass der prophezeite nach-Corona-Ansturm auf die Alpen im Hochsommer nicht gar so heftig wird…

Die Ausrüstung

Klar ist, jedes Gramm möchte die 90.000 hm hinauf geschleppt werden! Da ich außerdem nicht mehr der Jüngste bin, musste meine Ausrüstung dringend Federn lassen. Light bzw. Ultralight war angesagt. Nach intensivem Studium diverser Websites der Ultralight Fraktion kamen nach weitgehendem Neuerwerb des Equipments lediglich 7,7 kg! (ohne Wasser) zusammen. Nein, die Zahnbürste habe ich dabei nicht abgesägt… Für die harten Ultralight Freaks zwar immer noch zu viel aber auf jeglichen Komfort möchte ich nun doch nicht verzichten. Z.B. hat der neue Rucksack schon eine Einsparung von 1,6 kg gebracht. Wo es möglich war, wurde die Kleidung auf Merino umgestellt. Hat sich super bewährt! Man stinkt nicht schon nach einem Tag, sondern ein Shirt ist durchaus drei bis vier Tage ohne Waschen tragbar. Und das ohne meinem Umfeld mit unwiderstehlichen Gerüchen „in die Nase zu gehen“.

Die Navigation

Seit vielen Jahren verlasse ich mich nur noch auf die digitale Navigation.
Mein Smartphone zusammen mit der Sportuhr Forerunner 945 von Garmin haben sich bewährt. Beide bilden ein Backup. Die primäre Navigation übernimmt die Uhr. Falls diese ausfällt übernimmt das Smartphone. Zusätzlich sind sämtliche Etappen (GPX Dateien) in der Cloud und einer mitgeführten SD-Karte gespeichert. Der Weg wird von beiden aufgezeichnet. Diesen übertrage ich abends auf die SD-Karte und wann immer möglich in die Cloud. Die Stromversorgung der Uhr ist für drei Tage ausreichend, beim Smartphone für zwei-drei Tage.
Zum ersten Mal verzichte ich heuer zugunsten der ausgezeichneten Smartphone-Kamera auf die Mitnahme einer separaten Kamera.

Nun bleibt nur dankbar zu sein!
– meiner Familie, dass sie dieses schon etwas spinnerte Vorhaben unterstützt
– dass die Gesundheit mitspielt und ich vor Unfällen bewahrt bleibe 
– und dass Wetter, Berge und die Menschen am Weg mir wohlgesonnen sind.

„Eines Menschen Seele kann nur so schnell reisen, wie ihn seine Füße tragen können.“ (Indianisches Sprichwort)

Bleibt gesund! 😊

Servus, Dietmar

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.