Die Halbinsel der Gaspèsie durchquerten wir bereits am Beginn unserer Reise. Diesmal nehmen wir die 500 km lange Küstenstraße. Wie so oft auf unserer Reise gewinnt man hier das Gefühl, an den Rand der Welt zu reisen in besonderer Weise – dorthin, wo Land, Meer und Himmel sich begegnen. Unser Weg führt uns zunächst entlang der Nordküste des Sankt-Lorenz, der hier mehr einem Meer als einem Strom gleicht. Kleine Fischerdörfer reihen sich wie Perlen an einer Schnur, jedes mit bunten Häusern, Booten am Strand und einem Hafen. Wir biegen ab zu einem Abstecher Richtung Landesinnere in den Nationalpark Gaspésie und die Chic-Choc-Berge, die sich hier überraschend alpin erheben. Es sind die nördlichen Ausläufer der Appalachen. Nach 24 km Schotterpiste erreichen wir den Campground des Nationalparks. Leider sind aus uns unerfindlichen Gründen die Wanderwege in die Berge allesamt gesperrt. Auf einen angebotenen Shuttle Service zum Mont Albert verzichten wir. Es beschleicht uns die Vermutung, das man kurzerhand die Wege gesperrt hat, um den Shuttle Service zu verkaufen. Nun gut! Nach einer kurzen Wanderung entlang der Schotterpiste und einer ruhigen Nacht, nehmen wir den Weg zur Küste wieder unter die Räder.
Zurück an der Küste erwartet uns Percé, wohl der bekannteste Ort der Region. Der berühmte Rocher Percé, dieser gigantische Fels mit seinem natürlichen Tor, liegt majestätisch im Wasser. Bei Ebbe kann man ihm erstaunlich nahe kommen, bei der derzeitigen Flut spiegelt er sich im tiefblauen Meer. Die Szenerie mit der Insel Bonaventure im Hintergrund und einer der größten Bastölpelkolonien begeistert. Insbesondere die Bastölpel, die sich zu Hunderten senkrecht ins Wasser stürzen. Dabei können sie 100 km/h erreichen und tauchen bis zu 15m tief ins Meer ein. Je weiter wir die Halbinsel umrunden, desto einsamer werden die Straßen. Zwischen Gaspé und Sainte-Anne-des-Monts scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Alte Leuchttürme, verlassene Strände und immer wieder dieser weite Horizont prägen unsere Fahrt.
Wir fahren bis zur Stadt Bathurst und entscheiden dann, den weiteren Weg durch Akadien zu nehmen. Akadien ist ein historisches französisches Kolonialgebiet in den kanadischen Atlantikprovinzen (Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island), das heute die Heimat der Akadier (Acadians) ist, einer stolzen französischsprachigen Kultur. Nächster Halt ist das Village Historique Acadia einem Freilichtmuseum mit unterschiedlichen Gebäuden aus der Siedlungszeit. Eigentlich hat das Museum bereits Winterpause, doch wir dürfen es besichtigen, sogar kostenlos. An der Lagune bei dem Dorf Tracadie-Sheila finden wir einen ruhigen Übernachtungsplatz am Strand.
16. September 25 – Unser 31. Hochzeitstag🥰
Mit einem tollen Sonnenaufgang über der Lagune beginnen wir den Tag. Gemütlich starten wir erst gegen 11 Uhr Richtung Miramichi. Downtown finden wir in der Kleinstadt einen urigen Irish Pub und lassen uns hier leckere Fish&Chips schmecken. Am Nachmittag erreichen wir Boucetouche ein Fischerdorf mit dem Musèe du Kent, einer katholische Mädchenschule, die 1880 gegründet und 1960 geschlossen wurde. Eigentlich ist die Schule bereits “closed for the Season”, doch wir erhalten gegen einen kleinen Obulus eine Privatführung. Später übernachten wir auf dem Parkplatz der Schule unter riesigen herbstlich gefärbten Ahornbäumen. Am nächsten Tag erreichen wir nach 120 km die Confederation Bridge und biegen vom Festland ab in Richtung Prince-Edward-Island (PEI). Mit 12,9 km ist sie die längste der Welt, die über eisbedecktes Wasser führt. Der raue Atlantik führt insbesondere im Winter oft dazu, daß die Brücke gesperrt werden muss. PEI ist mit ihrer Hauptstadt Charlottetown die kleinste Provinz des Landes. 1864 fand die Charlottetown Konferenz statt. 1867 erfolgte hier die Gründung der kanadischen Konförderation, der Geburtstunde Kanadas.
PEI ist bekannt für ihre roten Sandstrände, sanften Hügel, Fischerdörfer und eine starke Landwirtschafts- und Fischereitradition. Man hat den Eindruck, dass sämtliche Kartoffeln Kanadas auf dieser Insel produziert werden. Wir genießen unsere letzten Tage in Kanada und wandern durch die Sanddünen der scheinbar unendlichen von roten Klippen geprägten Strände. Natürlich darf ein Besuch in dem Museum der Schriftstellerin Lucy Maud Montgomery nicht fehlen. Weltberühmt wurde sie durch ihren Roman „Anne of Green Gables“ (1908), der bis heute zu den meistgelesenen und -übersetzten Büchern der Welt zählt. Unser Weg führt uns wieder an die Westküste der Insel. In Sichtweite zur Confederation Bridge finden wir einen an der Steilküste gelegenen Parkplatz, auf dem zwar “Overnight Parking” nicht erlaubt ist, doch zu dieser Jahreszeit interessiert dies hier niemanden mehr. Am nächsten Morgen passieren wir die Brücke Richtung Festland zu unserem letzten Highlight unserer Reise: die Nova Scotia Stampede.
Die Stampede (Rodeo) wurde ins Leben gerufen, um neben den eher in Westkanada angesiedelten großen Stampedes, z.B. in Calgary, die Tradition auch in Ostkanada heimisch werden zu lassen. Wir haben Glück, daß sie in Truro stattfindet, das auf unserem Weg nach Halifax liegt. Auf dem Gelände angekommen, genießen wir die Atmosphäre, die typisch „westernmäßig“ ist, mit Cowboyhüten, Boots und Jeans – kombiniert mit der entspannten, freundlichen Mentalität der kanadischen Ostküste. Es ist weit mehr als ein Rodeo mit Country-Musik, Landwirtschaftsausstellung, Jahrmarkt und natürlich Essensständen, die neben der typischen BBQ Außergewöhnliches anbieten. So lasse ich mir einen Bisonburger schmecken – köstlich! Das eigentliche 3-stündige Rodeo ist beeindruckend, doch frage man keinen Tierschützer! Allerdings ist kein Tier zu Schaden gekommen, wobei zwei Cowboys humpelnd die Arena verließen.
Wir nächtigen in einem kleinen Dorf nicht weit von Truro. Am nächsten Tag nehmen wir nicht den Highway nach Halifax, sondern bummeln über die Landstraße. Kanada macht uns den Abschied schwer: die Sonne strahlt und der Indian Summer taucht die Wälder in ein Farbenfeuerwerk. In Halifax verbringen wir die Nacht auf dem Parkplatz des Shubie-Parks, wo wir vor mehr als 5 Monaten auch unsere erste Nacht in Kanada verbrachten. Tagsdrauf gibt es noch einiges zu tun: das Wohnmobil reisefertig machen, die Gasflaschen abgeben, Dump und Wasser ablassen und das Bärenspray entsorgen. Danach geht es zum Hafen. Die Formalitäten und Kontrolle des Wohnmobils – alles easy! Wir nehmen ein Taxi zum Flughafen, wo wir uns noch einmal Fish&Chips schmecken lassen. Zum Dessert ein letztes Mal bei Tim Hortens einen Mocca Ice Cup.
Der Flug nach München über London pünklich und ohne Probleme.
153 Tage und 29077 Kilometer in einem faszinierenden Land liegen hinter uns. Die Faszination läßt sich nur schwer in Worte fassen. Es ist wohl das Zusammenspiel von Natur, Kultur, Mentalität und Lebensgefühl. Kanada wirkt entschleunigt. Selbst große Städte wie Vancouver, Montreal oder Ottawa strahlen Gelassenheit aus. In der Zwischenzeit wurden wir oft gefragt, was uns am besten in diesem Land gefallen hat. Und wir finden keine Antwort darauf, denn ob es nun die Begegnung mit den Bären, die Weite des Nordens, die Küsten, die Rockies oder die Höflichkeit und Freundlichkeit der Kanadier ist, so ist es wohl die Kombination aus alle dem. Am besten beschreibt es ein Gedicht, das mit ein paar Vorgaben von ChatGPT kreiert wurde:
Die Liebe zu Kanada
Die Liebe zu Kanada ist leise und weit.
Sie beginnt im Atem der Wälder, im kühlen Blau der Seen,
im Knacken von Frost unter Stiefeln und im warmen Lächeln Fremder.
Hier lernt das Herz, langsamer zu schlagen.
Kanada liebt mit Raum: Raum zum Denken, zum Staunen, zum Sein.
Berge stehen geduldig, Straßen führen ins Offene,
und der Himmel scheint größer als anderswo.
Man verliebt sich nicht in ein Bild, sondern in ein Gefühl –
Freiheit, Ruhe, Freundlichkeit.
Wenn das Nordlicht tanzt, versteht man:
Diese Liebe braucht keine großen Worte.
Sie bleibt. Still. Tief. Weit.
Keine Frage, wir kommen wieder!


































































































